Werbung

Kontakt zu Gotorio
Über Go to Rio

GotoRio  ist die etwas andere Reiseseite im Internet. Sie steht für subjektive Eindrücke und Erlebnisse, und wir, die Autoren, stehen mit unserem Namen zu dem, was wir schreiben. Reisen, Restaurantbesuche, Shoppingtouren sind selbst bezahlt - denn wir sind nicht käuflich.

Praktischer Hinweis: Wenn Ihr in Rubriken suchen wollt, findet Ihr die weiter unten auf der Seite unter dem Stichwort Suchen und Finden!

 

Warum heisst gotorio Go to Rio? Weil wir über alle Orte schreiben - außer Rio.

Werbung
This area does not yet contain any content.
Neueste Kommentare
Suchen und Finden
Navigation
Login
« "Restaurant Tim Raue", Berlin: This is the Anfang | Main | "Harry's Bar", Venedig: eine Inszenierung »
Montag
Jun042012

"Taschenbergpalais", Dresden: das Kempinski-Problem

Es gab einmal eine Zeit, da war das “Kempinski Hotel Atlantic” zu Hamburg das am schlechtesten bewertete 5-Sterne-Hotel, das ich auf Tripadvisor finden konnte. Das Haus war in die Jahre gekommen, zu lange ließ sich Kempinski Zeit mit der Renovierung (inzwischen hat sich die Lage wohl gebessert). Ich selbst nächtigte einmal dort und erhielt einen Raum, der wohl einst die Unterkunft mitreisender Dienstboten war - mit 5 Sternen hatte dies nichts zu tun.

Obwohl, was heißt das eigentlich, “5 Sterne”? Eigentlich - nichts. Und keine Hotelkette demonstriert das aus meiner Sicht besser als Kempinski.

Denn vergeben werden die Auszeichnungen vor allem nach Ausstattung. Bademantel? Check. Spa-Bereich? Check. Pool? Check. Nicht einmal eine international einheitliche Check-Liste gibt es - so ist in Deutschland die 5 das höchste der Gefühle, in anderen Ländern dagegen leuchten auch mal sieben Sterne. 

Auch das Kempinski “Vier Jahreszeiten” in München verfügt über 5 Sterne. Unbestritten hat es eines der besten Bar-Teams in Deutschland. Doch bei meiner Übernachtung erhielt ich, obwohl das Zimmer von einem definitiven Großkunden des Hauses gebucht worden war, ein eher düsteres Zimmer mit einem Mobiliar, wie es gemeinhin von gehobenen Flughafen-Hotels offeriert wird.

Auf dem Schreibtisch lag eine Begrüßungskarte - mit einer Anrede für einen dem Namen nach russischen Gast. Die TV-Programme waren verstellt und teilweise nur verschwommen sichtbar, dass ein Flachbildschirm im Jahr 2011 eigentlich Standard sein sollte hat sich nicht rumgesprochen. 

Zwei Erlebnisse also, die Kempinski-Hotels für mich in kein gutes Licht rückten. Natürlich gestehe ich: Dies ist Jammern auf hohem Niveau - doch reden wir hier eben über Häuser der Kategorie “Luxus” mit entsprechenden Preisen. 

Und nun das dritte Erlebnis in die genau gleiche Richtung: im “Taschenbergpalais” zu Dresden.

Die Lage des Hotels ist fabelhaft: Mitten in jenem potemkinschen Dorf namens Dresden, wo alles alt scheint - aber neu aufgebaut wurde. Schloss, Oper, Museen - alles nur wenige Schritte entfernt. Auch das Palais selbst ist architektonisch wunderschön.

Unser Zimmer ist ordentlich groß, da kann man nicht meckern. Die Einrichtung ist von jeder Art, die Gäste über 60 zu einem zustimmenden Nicken verleiten - und deshalb Gäste unter 60 eher so gar nicht anspricht, aber eben auch nicht stört. Kompromiss, eben: flauschiger Teppich, dunkles Holz, beliebige Bilder. Dass Wlan-Nutzer mit Mondpreisen abgezockt werden, daran hat sich vielleicht mancher gewöhnt - uns ärgert es noch immer massiv.

Doch im Bad verfliegt dann das Luxus-Gefühl. Lieblos weiß ist es gekachelt, Shampoo und Duschgel stammen nicht von einer bekannten Marke, sondern von Kempinski selbst - was auf kostengünstige Ware schließen lässt. Der Tiefpunkt - im wahrsten Sinne des Wortes - aber ist die Dusche: Ihr Kopf ist auf geschätzt 1,80 geschraubt. Das hätte vielleicht für August den Starken gereicht, doch im Jahr 2012 kann so manche höher gewachsene Dame schon nicht gefahrfrei das Haar reinigen. Sollte sie dafür Conditioner wünschen, so muss sie diesen selbst mitbringen.

Ähnlich volatil präsentiert sich der Service. Die Wagenmeister zum Beispiel sind von gehobener Freundlich- und Geschwindigkeit. Das eigentliche Krebsgeschwür des Taschenbergpalais aber ist die Gastronomie. 

Das Frühstück ist - noch dazu zum apothekigen Preises - eines Top-Hotels nicht würdig. Das Rührei macht den Eindruck, aus Fertig-Ei zusammengerührt worden zu sein, der Aufschnitt wirkt wie aus der “Herta”-Packung rausgepult. 

Doch dies ist noch eine Wohltat gegenüber den Restaurants. Das “Palais Bistro” präsentiert die wohl uninspirierteste Speisekarte von ganz Sachsen. Steak, Tartar, dann hört es fast schon auf. Nur unwesentlich mehr bietet das “Intermezzo” - womit wir bei der galgenhumorigsten Taschenbergpalais-Geschichte wären. 

Jenes “Intermezzo” belegt bei gutem Wetter eine Hälfte des eindrucksvollen Innenhofs des Gebäudes, die andere bespielt die “Karl May Bar” (deren Cocktails ohne Fehl und Tadel sind). Die Situation: Eine fünfköpfige Gruppe im Alter zwischen 40 und 70, alle Gäste des Hotels, betritt den Innenhof nach einer Opern-Premiere die bemerkenswert früh zuende ging. Es ist 21.30 Uhr. Begonnen hat die Vorstellung bereits um 18 Uhr, so dass ein spätes Abendessen mehr als eine Option ist - und wo will man mit Stöckelschuhen, Abendkleid und Smoking sonst essen gehen als hier? 

Die Tische des “Intermezzo” sind sämtlich gedeckt und zur Hälfte mit Gästen belegt. Die andere Hälfte zieren Schilder: “Reserviert”. Tja, die werden wohl nicht mehr alle kommen, trotz “Florenz des Ostens” und der aus Italien übernommenen späten Essenszeit. Doch unsere Frage, ob nicht doch ein Tisch frei sei, wird abschlägig beschieden. Merkwürdig.

Wir setzen uns an einen der freien Tische der Bar-Hof-Hälfte. Auch dort bitten wir die Bedienung, doch nochmal nachzuhören. Ergebnis: Die Gäste kämen noch.

22 Uhr: Weniger als die Hälfte der Tische ist nun besetzt. Noch einmal beim Restaurant gefragt. Indignierte Antwort: Man sei ein 5-Sterne-Haus und halte Tische mindestens eine Stunde frei. So langsam wird es lustig. Und wir ehrgeizig.

Die Resoluteste der Gruppe ist die Älteste. Um 22.15 wird sie gegenüber dem Restaurantleiter (um diesen handelt es sich, wenn wir es richtig einschätzen) ruppig. Ergebnis: doch ein Tisch. Am Ende des Abends wird dieser Moment aber in die Kategorie “Be careful what you wish for” fallen. Denn auf der Karte ist nichts zu finden, was der Homepage-Beschreibung “Mediterran, frisch und unkonventionell: Die Kreationen in unserem stilvollen Feinschmecker-Restaurant Intermezzo brillieren mit leichter Eleganz und vielfachen Auszeichnungen” auch nur nahe käme.

Immerhin: Es gibt Beelitzer Spargel, unter anderem mit drei Sorten Schinken. 

“Welcher Schinken ist das denn?”, fragen wir den vermeintlichen Leiter.

“Das sind drei Sorten.”

“Ja, und welche?”

“Gekochter und geräucherter.”

“Und… welche Sorten genau?”

“Spanischer. Oder italienischer. Der Koch nimmt immer das, was er gerade da hat.”

“Welcher italienische? San Daniele?”

“Ne, der andere, wie heißt der noch…”

Wir schauen nochmal in die Speisekarte. Dort ist in einer Begrüßung vermerkt, dass jenes Lokal sich vertrauensvoller Beziehungen mit lokalen Lieferanten erfreue und der Gast gerne den Restaurantleiter zum Essen befragen könne.

Dass dieser Antworten hat steht nirgends. 

Immerhin: Es folgt ein Gruß aus der Küche, der wirklich lecker ist. Im Gegensatz zum Schinken. Der macht schwer den Eindruck vorgeschnitten in Plastikpackungen ausgeliefert worden zu sein. Um welche Schinkensorten es sich handelt, werden wir nie erfahren. Grundlegende Feinheiten des Servierens erwarten wir da schon nicht mehr - und bekommen sie auch nicht. 

Eines aber treibt uns noch um: Auf den Tischen stehen eher hässliche, dunkelblaue Weinpokale. Der Wein jedoch wird in normalen und natürlich geeigneteren Gläsern serviert. Was sollen die blauen Ungetüme? Antwort: “Haben Sie nicht den Gruß des Service bekommen?”

Nein.

“Der kommt zusammen mit dem Gruß aus der Küche.” Anscheinend handelt es sich um eine Art Aperitiv-Wein, den Cheffe gerne sofort rausholen möchte. Aber natürlich hätten wir doch dann gern zuende gegessen. Kaum jedoch sind wir fertig, beginnt es zu tröpfeln. 

Wir bitten um die Rechnung. “Keinen Gruß des Service mehr?” Nein, wirklich nicht - es regnet nämlich, wie wir dem Ungast-Geber noch einmal sagen müssen. Warum auch immer, schließlich ist auch er unbeschirmt. Kurz darauf erhalten wir die Rechnung - und jeder einen Kempinski-Kugelschreiber. Kommentar des Restaurant-Leiters: “Damit kann man ja auch mehr anfangen als mit Wein, ne?”

Bei der Abreise fragt die Dame an der Rezeption, ob alles in Ordnung war.

“Nein, um ehrlich zu sein war die Leistung Ihres Restaurants eine Katastrophe.”

Schweigen. Dann: “Oh, das tut mir leid. Ich werde das weitergeben.”

Was sie weitergibt? Keine Ahnung. Denn Details wurden nicht erfragt.

Tja, wir alle müssen sparen. Auch Kempinski. Und vielleicht ist das Taschenbergpalais ohnehin auf eine Klientel gezielt, ältere Touristen aus dem Ausland, die einmal nach Dresden kommt - und dann nie wieder.

Doch zieht sich durch all unsere Kempinski-Erfahrungen eine Linie: Die einer Hotelkette, die behauptet Luxus zu sein - tatsächlich aber am Gast sparen möchte. Weshalb wir sie künftig meiden werden.  

Reader Comments (3)

Ich habe selbst noch nie im Taschenbergpalais genächtigt und meine Geldbörse wird es in nahestehender Zeit voraussichtlicht auch nicht zu lassen. Trotzdem habe ich diesen Beitrag mit großer Begeisterung gelesen.
Sicher, es geht hier um Luxusprobleme, wenn man im Smoking vor dem Kellner sitzt und wissen möchte aus welcher Region der Schinken kommt. Aber der Service sollte den Preisen angemessen sein. Und ehrlich gesagt, es gibt billige Restaurants bei denen einem der Kellner die Herkunft aller Zutaten ohne Probleme auflisten kann. Das gehört eigentlich zum guten Service.
Jedenfalls vielen Dank für den schönen Artikel. Es hat sehr viel Spaß gemacht ihn zu lesen.
Liebe Grüße

Juni 20, 2012 | Unregistered CommenterJohn

Es ist leider immer wieder das gleiche - gerade bei deutschen Hotels: Da werden Mondpreise fürs WLAN aufgerufen, für den Parkplatz über Nacht kann man schon fast in einem anderen Hotel eine ganze Nacht logieren und das Frühstück steht oftmals in keinem vernünftigen Verhältnis zum Preis. Und das kommt meiner Meinung nach bei hochpreisigen Hotels eher vor als beim familiengeführten Landgasthof.

In Punkto Internet schießen, nach den Erfahrungen, die ich in den letzten paar Jahren machen konnte, gerade Hotels in UK den Vogel ab: 15 GBP, wie im Crowne Plaza in Leeds sind durchaus keine Seltenheit.

Juli 19, 2012 | Unregistered CommenterIngo

Vielen Dank für diesen Artikel; er spricht mir aus der Seele! Im Taschenbergpalais war ich bisher nur zum Frühstück und habe nicht bereut, dass ich dort nicht übernachtet habe. Nach einem katastrophalen Aufenthalt im Adlon (stark abgenutztes Zimmer, Schuhputzservice weigerte sich, meine Turnschuhe zu putzen, Service beim Frühstück war ein Witz) war ich positiv überrascht, tatsächlich eine Rückmeldung auf den LHW-Kundenzufriedenheitsfragebogen zu erhalten. Man lud uns als Entschädigung zu einem Abendessen für zwei ins Hotelrestaurant ein. Leider hat man sich unserer Kritik in keinster Weise angenommen, was Ihre These unterstützt, dass die Kempinski-Zielgruppe ältere Touristen sind, die einmal und danach nie wieder kommen.

Juni 7, 2016 | Unregistered CommenterSven

PostPost a New Comment

Enter your information below to add a new comment.

My response is on my own website »
Author Email (optional):
Author URL (optional):
Post:
 
Some HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>