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Dienstag
Apr282015

London: die Essenz des Marathons

Es ist Sonntag, kurz nach sechs, und der London Marathon läuft. Immer noch. Nach sechs Stunden. Und noch immer ist es – laut. Richtig laut.

Würden wir es nicht selbst hören und sehen, wir würden es nicht glauben. Mit schwersten Beinen arbeiten wir uns die Fußgängerbrücke am Buckingham Palace hoch, hinter uns liegen 5 Stunden und 10 Minuten Marathon, Medaillen und Kleidersack abholen, durch die Menge kämpfen.

Jene, die unter uns auf der Straße eher gehen denn laufen, werden über eine Stunde mehr brauchen als wir. Und doch werden sie in einer Lautstärke bejubelt, die bei anderen Läufen allein der Spitzengruppe gilt. 

Und dass nicht nur am Ziel. Zwei ruhigere Passagen gibt es auf diesen 42,195 Kilometern, zwei Mal vielleicht ein Kilometer mit vereinzelten Passanten am Rand – der Rest ist: Party. Das ist keine Übertreibung. Man kann nicht übertreiben, was sich an diesem Tag abspielt, es ist ein emotionale Stumwelle aus sportlichem Spaß und Fairness, wie sie wohl nur die Engländer auf die Beine stellen können.

Immer wieder wurde in der Vorberichterstattung der englischen Medien erwähnt, was Marathon ausmacht: Dass es die einzige Massensportart ist, in der jeder Anfänger im genau gleichen Wettbewerb antritt, wie die Besten der Welt. Vielleicht gibt es auch kein Land, dass diese bemerkenswerte Tatsache im gleichen Maß betont, wie den Gigantismus des London Marathon 2015 in Sachen Spitzenathleten. In Deutschland, bin ich mir sicher, würde nur über die afrikanische Elite berichtet. 

Die geht in unserer Startzone, der blauen, ins Rennen. Selbstverständlich werden wir sie nie zu Gesicht bekommen. Gereicht hat es aber auf der Marathon-Expo für ein Selfie mit Emmanuel Mutai und dem Zuhören beim Interview mit Weltrekordler Dennis Kimetto. Überhaupt ist das Bühnenprogramm der Expo höchst unterhaltsam. 

Jene blaue Zone bringt einen Vorteil mit sich: Die Tribünen sind prall gefüllt, eben wegen der Elite. Auch noch, als wir an ihnen vorbeilaufen. Die Schallwelle scheint uns Rückenwind Richtung Greenwich zu geben, Sicherlich über zwei Kilometer stehen die Zuschauer dicht an dicht, schreiend, anfeuernd, unsere Namen rufend. 

Hilfreich ist dabei die Organisation. Drei unabhängige Startbereiche gibt es im Greenwich Park, die erst nach einiger Zeit zusammengeführt werden. Innerhalb der Bereiche sind die Läufer nach Leistung aufgereiht (was natürlich heißt, dass wir uns brav am Ende anstellen). Der Weg dorthin wirkt wie bei einem Rockfestival: Menschen in Funktionsbekleidung spazieren den Hügel hinauf, Musik wummert uns entgegen, mehrere Sponsoren-Ballons stemmen sich dem Wind entgegen.

Die Anreise dorthin ist unproblematisch: Unser Hotel liegt an der Victoria Station, von dort braucht der Zug eine halbe Stunde bis Blackheath. Und gleich gibt es Marathon-Feeling: Hunderte Läufer warten vor der Anzeigetafel auf die Gleiszuteilung des Zugs. 

Mussten wir in Paris über eine Stunde warten, bis wir nach dem Startschuss die offizielle Markierung überlaufen durften, geht es in London geradezu rasend schnell. Schon wenige Minuten nach der Startzeit (einen Schuss oder ähnliches hören wir so weit hinten nicht) kommt Bewegung in die Masse, 15 Minuten nach den Eliteläufern sind auch wir auf der Strecke. Am folgenden Tag schreibt ein mitlaufender Kolumnist des “Telegraph”, die schnellsten Zwischenzeiten seien zwischen den überfüllten Toiletten und der Startzone gemessen worden – erreicht von Läufern, die vom flotten Startablauf überrascht wurden. Jener Text steht leider nicht online, dafür ein anderer: “5 things I learnt from running the London Marathon” - eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich fragen, warum Menschen sich das antun. 

Wie toll so ein Lauftag übrigens sein kann, zeigt unser kleines Staffel-Experiment mit der Facebook-App Riff:

Voll sind nicht nur die Toiletten (eine Austritt-Pause kostet uns 6 Minuten), sondern auch die Strecke: Wer hier Bestzeiten laufen will, dem wünschen wir viel Glück – er wird es brauchen. Nicht nur die Masse der Teilnehmer selbst verengt den Laufweg, sondern oft auch Zuschauer, die ein Spalier bilden wie bei Bergetappen der Tour de France.

Eine Zeit lang hängen wir uns an die 5-Stunden-Zugläufer – einfach, weil sie da sind und wie ein Räumfahrzeug ein wenig die Schneise frei laufen. Nach jener Toilettenpause müssen wir aber allein zurecht kommen und damit leben, dass rhytmisch laufen unmöglich ist.

Das liegt vor allem an den Spendenläufern. Sie tragen die Trikots der Organisationen, für die sie Geld gesammelt haben. Mehrere Millionen Pfund werden an diesem Sonntag zusammenkommen. Doch viele von ihnen kämpfen hart mit sich und der Distanz: Noch nie haben wir bei einem Marathon so früh so viele Gehende überholt. Trotzdem werden es über 99% (das ist keine Übertreibung) ins Ziel schaffen. Denn das ist acht Stunden lang geöffnet: In London soll jeder ins Ziel kommen – was für eine wundervolle, sportliche Einstellung. 

Die teilen die Zuschauer. Während in Deutschland Menschen am Rand höflich klatschend zunicken und mal halblaut sagen “Thomas, Du siehst noch gut aus”, klingt das in London so: “COME ON THOMAS! WELL DONE! GO! GO! GO!”

Besondere Stimmung machen die Wohltätigkeitsorganisationen. Jede von ihnen hat mehrere Stände an der Strecke verteilt und immer, wenn die Standbesatzung einen Läufern im Trikot ihrer Organisation erblickt, geht die Truppe steil wie ein Haufen Teenies beim Anblick von Justin Bieber – irre. 

Genauso irre wie die Kostümläufer. Sind sie anderenorts die Ausnahme, begegnen wir in London Dutzenden: Wir starten mit einem Big Ben, Shakespeare verliest an jeder Meile ein Sonett, ein T-Rex stakst vor uns, ein japanischer Jesus läuft mit Kreuz und ohne Schuhe für den Weltfrieden, Mr. Testicle sammelt Geld im Kampf gegen Hodenkrebs in Gestalt… Sie können es sich denken. 

Und immer wieder Rhinozerosse. Sicherlich zehn haben wir überholt, in liebevollen Kostümen gewandet laufen sie für den Erhalt der wahren Einhörner. Und erblickt ein Sprecher einen dieser Läufer ruft er sofort: “Rhino approaching!”, woraufhin die Masse wie bei einer Hiphop-Party skandiert: “GO RHINO, GO RHINO!”

Die Strecke wird da fast zur Nebensache. Wir arbeiten uns vom Greenwich Park ein wenig nach Osten, dann wieder zurück. Bei Kilometer 10 der erste Höhepunkt: Erst der Teeklipper “Cutty Sark”, dann die besonders vollen, historischen Straßen von Greenwich. 

Es geht weiter gen Westen, immer noch südlich der Themse durch Bermondsey. Dann bei Kilometer 20 der vielleicht schönste Blick des Laufs: Es geht auf die mit Zuschauern volle Tower Bridge. Wir werden Richtung Tower Hill getragen, rechts geht es gen Shadwell, dann Limehouse – und noch immer ist voll und laut und laut und voll. 

Ein wenig ruhiger ist es auf der Isle of Dogs einem der typischen, renovierten Viertel der alten Docklands. Der Marathon macht hier eine Schleife und dann geht es durch die Hochhäuser von Canary Wharf. Auch hier sind tausende Zuschauer, obwohl hier nur Bürohäuser stehen. Haben die kein Zuhause?

Zurück Richtung Tower Hill begegnet uns auf der Gegenseite die Besenwagenkolonne. Oder besser: Die Markierungsentfernungskolonne. Denn die blaue Marathon-Linie – passend zum Sponsor Adidas als Dreistreifen-Linie – muss noch am gleichen Tag wieder entfernt werden. 

Wir erreichen wieder den Tower und uns packt Nostalgie: Hier standen wir vor drei Jahren, bei London2012, an der Wende des olympischen Damen-Marathons. Es war eine der großartigsten Reisen meines Lebens, weshalb ich diesen Lauf auch in einem Team GB-Shirt laufe, das ich damals kaufte. Nun laufen wir ein Stück des gleichen Wegs Richtung Themse. 

Noch immer gibt es keine Lücken unter den Zuschauern, noch immer schreien sie und klingeln und ratschen und tröten. Ein Tunnel noch, dann wieder hoch – die Themse ist in Sicht. Und mit ihr das London Eye, kurz darauf Big Ben, der Ort des Einkehrschwungs Richtung Ziel. 

Ironie des Marathon: Jener Little Big Ben, der mit uns startete, taucht wieder vor uns auf. Little Ben vor Big Ben – leider im Foto nicht wirklich erkennbar. 

Noch einmal wird es voller: Viele Touristen stehen hier nun ebenfalls. Dann schon der Birdcage Walk, die Allee am St. James Park, die letzten hunderte von Metern sind erreicht, Buckingham Palace beachten wir kaum, denn dann kommt schon The Mall – und nach 150 Metern das Ziel. 

Wir sind ja nun wirklich nicht die megaerfahrenen Läufer. Aber so etwas wie in London haben wir noch nicht erlebt: Egal ob Hamburg, Köln oder Paris – sie alle sind brave Dorfveranstaltungen in Sachen Läuferunterstützung, verglichen mit dem, was London auf die Beine stellt. 

Denn in dieser Mischung aus Weltklasse- und Breitensport, dieser Fairness und dieser Stimmung ist London schlicht und einfach: die Essenz des Marathons. 

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